Freitag, 18. März 2011
Auf dem Balkon
Es war der vierte Stock. Ich stand auf dem Balkon. Die Sonne versuchte hinter den dunklen schweren grauen Wolken zu blinzeln. Es war sehr windig, aber nicht kalt. Freunde waren im anschließenden Raum. Sie sprachen über Themen die mich nicht interessierten. Ich sah drei Möwen zu, die versuchten sich in der Höhe des Balkons in der Luft zu halten. Sie glitten und brauchten viel Kraft sich gegen den Wind zu stellen. Dabei blies er ihre Gefieder kreuz und quer. Man sah die Anstrengung den Tieren an, die versuchten sich gegen den Strom in der Luft zu halten, zu schweben, nicht runter gedrückt oder einfach weg geweht zu werden.
Sozusagen stand ich neben den Vögeln und betrachtete ihren Kampf. Hätte ich versucht hinüberzugreifen, hätte ich sie wahrscheinlich nicht berührt, aber weit schwebten sie nicht von mir. Der Abstand betrug nur zwei, höchstens drei Meter. Und je mehr ich sie ansah, mich hinein fühlte in den Flug, dem Schweben der Vögel, dem Kampf mit dem Wind, desto mehr verlor ich das Gefühl für den Boden, um so unsicherer wurde ich. Es war zweifellos sehr tief.
Auch die Vögel sahen mich an. Alle drei schwebten neben mir, drehten den Kopf und sahen mich an. Fast schon forderten sie mich auf, es ihnen gleich zu tun.
Vor allem eine Möwe, mit einem dunklen Kopf und hellen aufgeregt schauenden Augen warf sich immer entschiedener gegen den Wind und versuchte so nah wie möglich an mich heran zu kommen.
Ich hörte auf nach unten zu starren und fixierte mich nur noch auf die Möwe, breitete meine Arme aus und stellte mich gegen den Wind. Ich schwankte und verlagerte die Kraft genauso so wie mein gefiederter Freund. Ich verlor zunehmend den Halt. Auch mein Bewusstsein streikte. Immer mehr leere Stellen waren in meinem Blick. Ich sah Löcher, Löcher ins Nichts. Konnte mir aussuchen in welches ich mich fallen lassen wollte. Einfach fallen lassen.
Helle Freude überkam mich. In jeder meiner Pore entdeckte ich intensives Leben. Ich war berauscht vom Fliegen. Plötzlich empfand ich das Leben wunderschön. Ich empfand mich wunderschön. Ich sah der Möwe in die Augen. Sie blinzelte mir zu. Immer näher kam ich der Möwe.
Hinter mir wurde es immer lauter, aber auch immer fahler. Was kümmert mich die Welt wenn ich doch fliegen kann?
Unter großem Geschrei hob ich mich in die Luft. Ich sprang der Möwe förmlich entgegen, die sichtlich überascht war. So spürte ich den harten entgegenkommenden Wind umso stärker. Ich lehnte mich ihm entgegen, wie ich es von den Möwen vorher gelernt habe. Ich flog.
Ich genoß den Wind der mir in das Gesicht schnitt und mich kaum die Augen aufmachen ließ. Ich war frei.
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